2011 18
Mai

Die Berichterstattung im Falle Strauss-Kahn

Tag: Dominique Strauss-Kahnadmin @ 08:28

Die Tonalität und Einseitigkeit der Berichterstattung im Fall Strauss-Kahn ist schon bemerkenswert. Zum einen wird immer wieder Strauss-Kahns “Schwäche” für Frauen angeführt - als wenn diese ihn gleich zum Gewalttäter machen würde. Zum anderen nimmt man die offizielle Schilderung unkritisch für bare Münze. Soweit überhaupt von Intrigenverdacht berichtet wird, dann nur im Zusammenhang mit Strauss-Kahns Präsidentschaftskandidatur und nicht in Verbindung mit seiner aktuellen Rolle beim IWV.

Einmal mehr ist uns die “Schlagseite” der Medienberichterstattung heute in der Financial Times Deutschland aufgefallen. Unter der (bereits tendenziösen) Schlagzeile “Irrungen und Wirrungen des Strauss-Kahn” heißt es dort unter anderem:

“Seit Tagen beschäftigt der Skandal um Dominique Strauss-Kahn die Welt.”

Warum Skandal? Passender und neutraler wäre: “die Vorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn”.

“Anfangs schien alles klar, doch nun sind viele Fragen wieder offen, Details widersprüchlich.”

Soso. Uns war von Anfang gar nichts klar, die Widersprüche gab es von der ersten Minute an.

“Die Anwälte des IWF-Chefs kämpfen mit allen Mitteln.”

Bis dato kämpft vor allem die Anklage “mit allen Mitteln”, u.a. auch mit der gezielten öffentlichen Inszenierung.

“Auszug aus der Anklage: ‘Sein Penis hatte gewaltsam zweimal Kontakt mit dem Mund des Opfers.’ Es ist das Ende des Machtmenschen Strauss-Kahn, des großen Bankers, des womöglich zukünftigen Präsidenten Frankreichs.”

Erster Satz: Eine unbewiesene Behauptung. Zweiter Satz: Die Verurteilung - nicht durch ein Gericht, auch nicht durch die Leute auf der Straße, sondern durch Artikel wie diesen. Merke: Heute genügt bereits der bloße Vorwurf einer Straftat, um das Leben eines Menschen zu zerstören. Wie praktisch …

“Dabei schien die Situation früh klar zu sein. Samstagnacht New Yorker Zeit informierte die Polizei in New York detailliert über die Vorfälle, die zur Verhaftung führten.”

Auch so manche Schilderung in Grimms Märchen ist detailliert und klar. Mal im Ernst: Sind die Autoren dieses FTD-Artikels blöd oder halten sie lediglich ihre Leser für blöd? Die ersten Meldungen stützten sich lediglich auf den Bericht der Polizei - und dieser sich wiederum lediglich auf eine einzige Zeugenaussage. Das mag “klar und detailliert” gewesen sein, aber ein Beweis der tatsächlichen Abläufe war es nicht einmal im Ansatz. Zudem waren gewisse Details - vor allem die zeitliche Koinzidenz - von vornherein dermaßen auffällig, dass es schon lächerlich wirkt, in diesem Fall von Klarheit zu sprechen.

“Es ging hin und her, auch in der Taktik der Anwälte. Deren erste Reaktion: zögern. Es dauert Stunden, bis sie sich äußern - aber dann mit einer klaren Ansage. Strauss-Kahn werde auf unschuldig plädieren. ‘Er bestreitet alle Anschuldigungen’, sagt sein Anwalt Benjamin Brafman.”

Geht’s noch tendenziöser? Dass sich Anwälte zunächst mit ihrem Mandanten beraten - ganz normal. Dass ein Angeklagter auf unschuldig plädiert - ganz normal (vor allem wenn er unschuldig ist). Aber es kommt noch dicker:

“Harte Linie - wie es zu Brafman passt, einer der besten Strafverteidiger der USA. Er, so schreibt das ‘New York Magazine’, habe ‘Freisprüche für Leute erreicht, die niemand mehr je auf freiem Fuß wähnte’.”

Was soll das? Diese Aussage impliziert: Brafman kriegt sie alle frei - auch die Schuldigen. So sehen Vorverurteilungen aus, lediglich journalistisch gekonnt verpackt.

“Und dann der Auftritt am Montag vor dem New York Criminal Court. Der IWF-Chef ist unrasiert, sein Blick trotzig, wütend, müde.”

Und? Passt das eher zu einem schuldigen oder einem unschuldigen Angeklagten?

“Egal wie das Urteil ausfällt, Dominique Strauss-Kahns Ruf, seine Karriere sind zerstört.”

Wofür im wesentlichen die Berichterstattung der Medien verantwortlich ist.