2009
21
Jan
Das Unwort des Jahres 2008
Zum Unwort des Jahres 2008 wurde gestern der Begriff “notleidende Banken” gewählt. Argument der Jury: Diese Begrifflichkeit stelle “das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.”
Excuse me? Zunächst einmal impliziert der Begriff “notleidend” in keinster Art und Weise eine “Opferrolle” oder überhaupt irgendeine Art von Schuld oder Verantwortlichkeit. Wie den Damen und Herren Wissenschaftlern sicher bekannt ist, wird dieser Begriff typischerweise im Zusammenhang mit Krediten verwendet und ist auch hier völlig neutral.
Schaut man ein wenig in die Vergangenheit zurück, so findet man Unworte wie “Herdprämie” oder “freiwillige Ausreise”, die tatsächlich ein hohes Maß an Zynismus erkennen lassen und teilweise feinstes Orwellsches Newspeak darstellen.
Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass diesmal mit der Wahl des Unworts weniger ein sprachlicher Missbrauch angeprangert werden sollte, sondern die Jury vor allem an einem politischen Statement zur Finanzkrise interessiert war. Und dieses Statement fällt zudem noch extrem dümmlich und verzerrend aus: An der Finanzkrise mindestens ebenso Schuld sind die amerikanische Notenbank (und damit eine politische Instanz) sowie insbesondere auch die Konsumenten in USA, die bei der Spekulation auf steigende Häuserpreise begeistert mitgemacht haben.
In diesem Sinne empfehlen wir den Damen und Herren Sprachwissenschaftlern: Befasst Euch mit Dingen, von denen ihr etwas versteht!
