2008
25
Sep
Amoklauf in Finnland - und die Reflexe von Politik und Medien
Es ist schon fast ein Automatismus: Schule, Amoklauf, Kritik an “gewaltverherrlichender” Musik, Ruf nach schärferen Waffengesetzen. Wer sich auch nur eine Viertelstunde mit den Fakten befasst, wird merken, dass Politik und Medien hier bestenfalls ahnungslos sind, höchstwahrscheinlich schlicht populistisch argumentieren und schlimmstenfalls solche Taten gezielt instrumentalisieren.
In Finnland gibt es rund 1,6 Millionen legale Schusswaffen - bei rund 5 Millionen Einwohnern eine für europäische Verhältnisse einmalig hohe Verbreitung von Waffen in der Bevölkerung. Die Tatsache, dass über 300.000 Finnen registrierte Jäger sind (die höchste Quote in Europa), macht deutlich, dass der private Waffenbesitz in Finnland traditionell in der Bevölkerung breit verankert ist.
Nun sollte man vielleicht wissen, dass die Kriminalitätsrate in Finnland niedriger liegt als in praktisch allen anderen europäischen Ländern: Gerade einmal 100 bis 150 Tötungsdelikte pro Jahr sind in Finnland zu verzeichnen - hochgerechnet auf die Bevölkerungzahl sind wir Deutsche mit 2.000 bis 2.500 Totschlags- und Mordfällen gut 50 Prozent “gewalttätiger” als die Finnen. Wohlbemerkt: Hier handelt es sich um sämtliche Tötungsdelikte - und die werden in Finnland (wie im Rest der Welt) eher mit Messern, “stumpfen Gegenständen” und beliebigen anderen Tatwerkzeugen als mit Schusswaffen begangen.
Dennoch folgte prompt nach dem aktuellen Amoklauf der Ruf nach einer Verschärfung des finnischen Waffengesetzes. Dass es eine solche Verschärfung bereits nach dem Amoklauf im vergangenen Jahr gegeben hatte, ist längst vergessen. Noch bis vor einem Jahr war es so, dass in Finnland bereits 15-Jährige (mit Zustimmung der Eltern) eine Waffe erwerben konnten. Im November wurde diese Grenze dann - wie in Europa weitgehend üblich - auf 18 Jahre erhöht.
Wenn nun 1,5999999 Millionen Finnen keinen Amoklauf begehen, sagt der gesunde Menschenverstand, dass die Schusswaffe ohne Zweifel das Tatwerkzeug war, aber keinesfalls als Ursache oder Motiv für die Tat “verantwortlich” zu machen ist. Eine Straftat dadurch zu verhindern, dass man potentielle Tatwerkzeuge schärfer reglementiert, ist in mehrfacher Hinsicht dümmlich:
Zum einen bleiben selbst bei einem totalen Waffenverbot noch genügend illegale Waffen im Umlauf - die Statistiken aus Großbritannien, wo der private Waffenbesitz praktisch komplett verboten ist und die Gewaltkriminalität dennoch ansteigt, sprechen hier Bände. Und da es auch in Finnland nicht darum geht, einige Tausend Amokläufe pro Jahr zu verhindern, sondern sich die Diskussion um einige wenige Einzelfälle dreht, bleibt die “Ausdünnung” des Waffenbesitzes durch schärfere Regeln oder ein Verbot am Ende schlicht wirkungslos.
Zum anderen kann es wohl kaum angehen, dass man in die Freiheitsrechte von Millionen Menschen eingreift, weil einige wenige diese Freiheitsrechte missbrauchen - tut man dies doch, hat man einen großen Schritt in Richtung eines Polizeistaats getan. Um es gerade für grüne Gutmenschen nochmal ganz deutlich zu sagen: Die Argumentation, mit der man privaten Waffenbesitz verbieten will, ist strukturell genau die gleiche, mit der auch Vorratsdatenspeicherung und andere Überwachungsmaßnahmen verargumentiert werden!
Doch zurück zu Finnland: Bemerkenswert in der ganzen Debatte ist außerdem, dass zwar auf die hohe Waffendichte in Finnland verwiesen wird, aber nicht nur die niedrige Kriminalitätsrate außer acht gelassen wird, sondern auch andere Besonderheiten Finnlands: Die Selbstmordrate in dem nordeuropäischen Land liegt um gut 150 Prozent höher als in Deutschland. Und weiterhin: Todesursache Nummer Eins in Finnland sind nicht etwa Schusswaffen, sondern Alkohol.
Ohne an dieser Stelle fundierte Antworten geben zu können, zeigt selbst diese kurze Auseinandersetzung mit dem Thema, dass auf der Suche nach Ursachen für eine Tat wie den jüngsten Amoklauf die Fixierung auf den privaten Waffenbesitz völlig am Thema vorbei geht.
Populismus, Ignoranz gegenüber Fakten, mangelnder Respekt vor Freiheit und ein krankes Verständnis von einem Staat, der seine Bürger vor jedem Übel zu bewahren hat - das ist eine gefährliche Mischung, die auf Dauer unsere Gesellschaft mehr gefährdet als jährlich eine Handvoll Jugendliche, die einige Dutzend Menschen töten. Ja, ganz ohne Zynismus: Das ist der Preis der Freiheit. Bei järhlich 6.000 Verkehrstoten in Deutschland akzeptieren wir dies wie selbstverständlich, weil die logische Konsequenz - ein Totalverbot von Autos - uns alle derart in unserer Freiheit beschränken würde, dass uns ein solcher Gedanke geradezu absurd erscheint. Ähnlich hohe Maßstäbe sollten wir anlegen, wenn Medien und Politik andere Freiheitsrechte auf Basis singulärer Ereignisse ohne Sinn und Verstand einschränken wollen - auch wenn die jeweilige Maßnahme nur eine “Minderheit” betrifft.
