2008 06
Jul

Atomkraft - ja bitte?

Tag: Allgemeinadmin @ 23:41

Die Diskussion um das Für und Wider der Atomkraft lebt in regelmäßigen Abständen wieder auf. Dennoch ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet die jüngsten Höhenflüge des Ölpreises die Debatte um den Atomausstieg in massiver Form wiederbelebt haben. Plötzlich kann sich eine Mehrheit der Bundesbürger wieder eine intensivere Nutzung der Atomenergie vorstellen. Wenn’s ans Portemonnaie geht, sind die Deutschen offenbar sehr pragmatisch.

Es ist aber auch albern: Deutschland ist das einzige G8-Land, das nach wie vor am Atomausstieg festhält - während alle anderen G8-Nationen verstärkt auf die Nutzung der Atomenergie setzen. Bundesumweltminister Gabriel beeilt sich zwar zu betonen, dass in Europa die Haltung der Länder zur Atomkraft ganz unterschiedlich sei, doch EU-Kommissionspräsident Barroso sieht die Atomkraft als ein Mittel im “Kampf gegen Klimawandel und steigende Energiepreise”. Eine steigende Zahl von Ländern betrachtet die Atomkraft als “eine zumindest vorübergehende Lösung, um den Klimawandel zu stoppen und unsere Abhängigkeit von Öl und Gas zu verringern”, so Barroso.

SPD-Fraktionschef Peter Struck wiederholt gebetsmühlenartig bekannte Argumente (”… unverantwortlich, so lange die Frage nach der Entsorgung hochradioaktiven Abfalls nicht gelöst ist …”). Sein Parteikollege Erhard Eppler hingegen kann sich vorstellen, einige Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, wenn zugleich im Grundgesetz ein Verbot neuer Atommeiler verankert würde. Dem widerspricht Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (ebenfalls SPD), der die Atomkraft als “größte Blockade für die Neuordnung der Energieversorgung” sieht.

In der ganzen Diskussion ist mir unverständlich, weshalb man sich nicht auf einige ganz simple Fakten verständigen und dann eine pragmatische Entscheidung treffen kann:

  1. Langfristig ist auch die Atomenergie keine Lösung, da auch hier die Vorräte begrenzt sind. Außerdem spricht das in der Tat bis dato ungelöste Endlagerungsproblem gegen eine dauerhafte, “strategische” Nutzung der Atomenergie.
  2. Erneuerbare Energien sind langfristig die einzige Option, da die “Rohstoffe” Wind, Sonne etc. unbegrenzt sind und außerdem diese Technologien als einzige nicht klimaschädlich sind und keine ungelösten Endlagerungsprobleme aufwerfen.
  3. Zumindest kurzfristig reicht Strom aus erneuerbaren Energien nicht aus, um den Strombedarf in Industrieländern wie Deutschland zu decken. Einstweilen braucht es also noch andere Methoden der Energieerzeugung.

Bei der Entscheidung zwischen verschiedenen “nicht-erneuerbaren” Energien geht es letztlich um die Abwägung zwischen mehreren Übeln. Moderne Kohlekraftwerke können einen Beitrag leisten, Atomkraftwerke aber ebenso. Entscheidende Randbedingung bei der Abwägung zwischen diesen Technologien: Ganz gleich, wie Deutschland sich entscheidet - in unseren europäischen Nachbarländern werden weiterhin Atomkraftwerke gebaut. Diese sind im Zweifel weniger sicher als deutsche Kraftwerke. Ein deutscher Alleingang beim Atomausstieg ist also bestenfalls Symbolpolitik.

Damit ist eigentlich klar, wie ein sinnvoller Kurs aussehen sollte: Maximale Förderung alternativer Energien - und zwar auch durch Einflußnahme auf die Energiepolitik anderer Staaten. Gleichzeitig täte Deutschland jedoch gut daran, den vorübergehenden, “taktischen” Einsatz der Atomenergie ganz pragmatisch zu sehen und dabei den Fokus darauf zu legen, die Nutzung der Atomenergie in anderen Ländern durch Export deutschen Knowhows so sicher wie möglich zu gestalten. Damit ist unterm Strich mehr erreicht als durch eine kategorische Stigmatisierung der Atomkraft.