2008
04
Jun
Das schwindende Vertrauen in Marktwirtschaft und Kapitalismus
Sozialismus, Kommunismus und Staatswirtschaft hatten ihre Chance - und haben gezeigt, dass sie nicht funktionieren und die Menschen in Armut und Unfreiheit führen. In den freien, marktwirtschaftlich geprägten Industrienationen hingegen ist der Wohlstand über die letzten 50 Jahre hinweg kontinuierlich gestiegen. Partielle negative Entwicklungen der letzten wenigen Jahre sind - langfristig betrachtet - nur ein kleiner Rückschlag, eine marginale Delle. (Wer’s nicht glaubt, möge sich beispielsweise diese Tabelle zur Entwicklung der Kaufkraft ansehen.)
Der Kapitalismus hat den Kommunismus besiegt - also alles in bester Ordnung? Keineswegs: Fundamentale Kritik an Globalisierung, Marktwirtschaft und Kapitalismus ist längst nicht mehr die Domäne weniger linker Spinner Idealisten, sondern mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Schaut man sich beispielsweise an, wer die Linkspartei wählt, so sind das keineswegs nur Ost-Nostalgiker und Hartz-IV-Empfänger, sondern durchaus Menschen wie Du und ich.
Was treibt die Menschen dazu, an der Funktionsfähigkeit unseres Wirtschaftssystems zu zweifeln? Der Versuch einer Analyse.
Zunehmende Anonymität des Wirtschaftssystems: Vor einem halben Jahrhundert war die Welt noch in Ordnung: Die vom Einzelnen wahrgenommenen Akteure in der Wirtschaft bewegten sich maximal auf nationalem Level, vielfach hatte man es mit Unternehmen in der Region zu tun. “Der Unternehmer” sprach die gleiche Sprache und war oft genug noch persönlich bekannt - eine gute Grundlage für Vertrauen. Anonyme Strukturen, wie sie globale Wirtschaft nun mal zwangsläufig mit sich bringt, bieten keine Grundlage für Vertrauen, im Gegenteil. Ob Konzerne, EU oder der globale Finanzmarkt: All diese Institutionen sind zu groß und zu anonym, als dass sie Vertrauen stiften könnten.
Mangelndes Verständnis immer komplexerer Systeme: Die globale Welt und erst recht der globale Markt sind unglaublich fein ausdifferenziert und dementsprechend komplex. Entwicklungen wie die jüngste Finanzmarktkrise sind für Laien kaum noch durchschaubar, sondern werden eher wie eine (von Menschen gemachte) Naturkatastrophe wahrgenommen. In der Ablehnung von Globalisierung und Markt spiegeln sich also in hohem Maße das mangelnde Verständnis komplexer Realitäten und die Sehnsucht nach einer einfachen, verständlichen Welt wider.
Steigende Anforderungen an den Einzelnen: Der rapide technische Fortschritt, die damit einhergehende immer schnellere Veränderung der Arbeitswelt und der globale Wettbewerbsdruck führen zu drastisch steigenden Anforderungen an jeden Einzelnen. Während noch die Generation unserer Eltern ein extrem konstantes, lineares Erwerbsleben (Ausbildung in einem Beruf, oftmals lebenslange Tätigkeit in einem einzigen Unternehmen) erwarten durfte, ist der Wandel heute so schnell, dass von jedem Einzelnen kontinuierliche Anspassungsschritte erwartet werden. Das ist unangenehm oder zumindest unbequem - und führt schnell zur Ablehnung jener Strukturen, die als Auslöser dieser Beschleunigung gelten.
Verzerrte Realitätswahrnehmung durch Medienberichterstattung: In den Massenmedien - gerade im Fernsehen - gibt es heute im wesentlichen die Superreichen und diejenigen, die unter mehr oder minder ärmlichen Verhältnissen leben. Es liegt in der Natur der Medien, das Normale auszublenden und die Extreme zu betonen. Demzufolge verwundert es kaum, dass negative Auswüchse und Entgleisungen der wirtschaftlichen Freiheit überproportional wahrgenommen werden, während ihre positiven Wirkungen als Selbstverständlichkeit in der Nicht-Berichterstattung über das Normale unter den Tisch fallen.
Kapitalismus ist egoistisch und brutal, Sozialismus sozial und edel: Kapitalismus heisst im wesentlichen, die Menschen das machen zu lassen, was sie tun wollen. Das Ergebnis ist bisweilen rau und egoistisch - das einzig Charmante ist, dass es in Summe funktioniert und am Ende des Tages mehr Wohlstand für (fast) alle produziert. Der Sozialismus ist in der Theorie sozial, edel und unglaublich gerecht - und damit ein Ideal, das naturgemäß eine gewisse Anziehungskraft ausübt. Außerdem ist der Kommunismus als Theorie extrem einfach, ja geradezu simplizistisch - und damit eine willkommene Alternative zur Komplextität des real existierenden Kapitalismus.
So viel zu den (möglichen) Ursachen. Bemerkenswert ist aber auch folgendes: Mit der (bewusst zugespitzen) Wahl zwischen Kommunismus/Sozialismus und Kapitalismus/Marktwirtschaft konfrontiert, werden nur die wenigsten Menschen offen für Kommunismus/Sozialismus votieren - zu offensichtlich sind diese Systeme gescheitert. Allerdings gibt es eine ausgeprägte Tendenz, staatliche Eingriffe in den Markt zu fordern und so Kapitalismus und Marktwirtschaft “in geordnete Bahnen” zu lenken und “Auswüchse” zu bekämpfen. Der Gedanke hat - Stichwort: soziale Marktwirtschaft - zwar durchaus etwas für sich, ist aber aus mehreren Gründen eine gefährliche Tendenz:
Zunächst einmal verwundert, woher die Menschen den Glauben nehmen, der Staat könne ein besseres Ergebnis erzielen als ein freier Markt mit seinen zahlreichen Akteuren und seiner kollektiven Intelligenz. Wenn staatliche Steuerung in Reinform (Kommunismus/Sozialismus) schon nicht funktioniert, warum soll der Staat dann bei moderateren Eingriffen bessere Ergebnisse produzieren? Selbst in Deutschland zeigt sich doch, dass der Staat an vielen Stellen (Sozialsysteme …) versagt und insbesondere nicht in der Lage ist, auf sich verändernde Rahmenbedinungen einzustellen.
Bewusste, regulierende Eingriffe in ein komplexes System sind per se hochriskant und führen oft zu unerwünschten Effekten. Dietrich Dörner hat diese Problematik in “Die Logik des Misslingens” ausführlich dokumentiert - wer dieses Buch gelesen hat, wird überaus misstrauisch gegen wohlgemeinte, aber oftmals schlecht gemachte Eingriffe in Systeme, die über eigene Dynamiken verfügen.
Fazit: Kapitalismus und Marktwirtschaft befinden sich tatsächlich in einer Krise - allerdings keiner realen Systemkrise, sondern einer Vertrauenskrise. Das Problem liegt nicht im System selbst, sondern in den Menschen, die zu schlecht informiert, zu dumm und/oder zu ängstlich sind, um zu begreifen, dass ein freier Markt mit all seinen Schwächen noch immer das beste aller denkbaren Wirtschaftssysteme ist.
Hier zeigt sich übrigens eine strukturelle Ähnlichkeit zur Kritik an der Demokratie: Auch diese baut im wesentlichen auf Freiheit, auch diese scheint gelegentlich nicht optimal - aber sie ist immer noch unendlich viel besser als jedes staatsautoritäre Regierungssystem.
