2008
18
Mai
Das Ende der Mittelschicht?
Allenthalben wird in den Medien derzeit das Schwinden der Mittelschicht beklagt. Das Phänomen an sich ist nicht zu leugnen, die Diskussion darüber allerdings teilweise arg verkürzt.
Heikel ist die ganze Debatte allerdings schon allein deswegen, weil sie in breiten Teilen der Bevölkerung die Angst vor dem wirtschaftlichen und sozialen Absturz schürt. Dabei geht es gar nicht einmal um das Risiko des Abrutschens an sich oder die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts, sondern vielmehr um die mangelnde Fähigkeit der deutschen Bevölkerung, mit diesem Risiko umzugehen. Über Jahrzehnte hinweg ging es seit dem Ende des 2. Weltkriegs wirtschaftlich für breiteste Bevölkerungsschichten immer nur bergauf. Der “Job auf Lebenszeit” (bei Siemens, Daimler & Co.), das Eigenheim, regelmäßige Auslandsurlaube und immer größere Autos wurde zunehmend für breite Arbeitnehmerschichten zur Selbstverständlichkeit. Wer derartig “konditioniert” ist, hat naturgemäß größte psychologische Schwierigkeiten, mit erhöhten Risiken umzugehen.
Und so wundert es auch nicht, dass die Bevölkerung in einer solchen Situation reflexartig nach dem Staat als Retter ruft. Dieser möge doch bitte mit Mindestlöhnen, höheren Renten etc. pp. sicherstellen, dass man nicht fällt - und wenn doch, dann bitte ganz weich.
Diese psychologische Konstitution breiter Bevölkerungsschichten erschwert eine nüchterne (und bisweilen schmerzhafte) Analyse der Situation und die Entwicklung erfolgversprechender Lösungen. Um nur den Finger in einige der größten Wunden zu legen:
Das “Ausbluten” der Mittelschicht ist unter anderem den hohen Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben zu verdanken - die vor allem dazu gebraucht werden, einen umfassenden Sozialstaat zu finanzieren. Paradoxerweise ist es also gerade das Streben nach mehr (staatlich organisierter) Sicherheit, das zu Wohlstandsverlusten führt, die dann mit staatlicher Hilfe abgefangen werden sollen. Dieses Dilemma muss offen kommuniziert und diskutiert werden, um den Sozialstaat für die Zukunft optimal “einpendeln” zu können.
Noch fundamentaler und damit schmerzhafter ist die Erkenntnis, dass die Mittelschicht, wie wir sie heute kennen, möglicherweise nur ein zeitlich vorübergehendes Phänomen war. Gerade die deutsche Mittelschicht ist ein Ergebnis des Wohlstandsgewinns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Niemals zuvor in der Geschichte hatten derart breite Bevölkerungsschichten einen derart hohen Lebensstandard. Eine solide Ausbildung als Facharbeiter reichte aus, um sich ein Eigenheim zu finanzieren, alle paar Jahre ein neues (deutsches) Auto zu kaufen und regelmäßig ins Ausland zu verreisen. Wenn jetzt in Osteuropa und den bevölkerungsstarken Schwellenländern wie China oder Indien plötzlich riesige Heerscharen vergleichsweise gut qualifizierter Arbeitskräfte mit deutlich geringeren materiellen Ansprüchen auf den Markt drängen, ist offensichtlich, dass große Teile der deutschen Mittelschicht ihren Lebensstandard ohne massive Anpassung nicht halten geschweige denn verbessern können.
Die bisherige Diskussion um das Schwinden der Mittelschicht kratzt bestenfalls an der Oberfläche. Es ist höchste Zeit, dass Bevölkerung und Politik den Mut für eine schonungslose Analyse und eine ideologiefreie Diskussion der Handlungsoptionen finden.
