2008
18
Apr
“Niedriglohn-Alarm in Deutschland”
Unter dem Titel “Niedriglohn-Alarm in Deutschland” berichtet die Frankfurter Rundschau heute:
“In Deutschland könnte der Niedriglohn-Sektor bald größer sein als in den USA, warnen Forscher. Schon heute arbeiten 22 Prozent der Beschäftigten für wenig Geld - damit liegt die Rate nur noch knapp unter dem amerikanischen Niveau.”
Andere Medien - so zum Beispiel ZDF und n-tv - übernehmen diese Meldung mehr oder minder ungeprüft und unreflektiert. Was uns gleich stutzig gemacht hat: Was heißt eigentlich “Niedriglohnsektor” und “wenig Geld”?
Und in der Tat: Wie so oft im Leben, lohnt es sich auch hier, etwas genauer hinzusehen. Zur Definition des Begriffs Niedriglohn findet sich auf der FR-Seite folgende Erläuterung:
“Wer weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns verdient, gilt als Niedriglöhner.”
Das heißt zunächst einmal: Die absolute Höhe des Lohns ist völlig irrelevant. Überspitzt gesagt: In einer Gesellschaft, in der der durchschnittliche Arbeitnehmer 100 EUR pro Stunde verdient, wäre also auch jemand mit 50 EUR Stundenlohn ein Niedriglöhner - absurd, oder? Auch die individuelle Lohnentwicklung spielt keine Rolle: Wer vor einem Jahr 10 EUR pro Stunde verdient hat und heute 11 EUR verdient, wird dann zum “Niedriglöhner”, wenn im gleichen Zeitraum das Durchschnittseinkommen stärker, also z.B. von 29 auf 35 EUR steigt. Kurz: Allein schon die Definition des Begriffs “Niedriglohn” ist aus wissenschaftlicher wie praktischer Sicht ziemlich fragwürdig.
Aber schauen wir uns das mal in absoluten Zahlen an. Dazu schreibt die FR:
“In Deutschland lag die Schwelle 2006 bei 6,81 Euro im Osten und 9,61 Euro im Westen.”
Ordnen wir das mal ein wenig ein: Die Gewerkschaften fordern eine Summe von 7,50 EUR pro Stunde als Mindestlohn. Die heute tarifvertraglich festgeschriebenen Mindeststundenlöhne liegen teilweise noch weit darunter. ”Niedriglöhner” sind also keineswegs nur Menschen, die zu wirklichen Hungerlöhnen von 3 EUR arbeiten, sondern - gemäß dieser mehr oder minder willkürlichen Definition - weit aus größere Gruppen von Arbeitnehmern.
Nun schreibt die FR weiter:
“Innerhalb eines Jahrzehnts sei der Anteil der Geringverdiener stark gestiegen - und zwar von 15 auf 22 Prozent.”
Dass diese Entwicklung wenig über die reale Einkommensentwicklung der Betroffenen aussagt, haben wir bereits erläutert. Fraglich ist aber auch, was denn die betreffenden Geringverdiener vorher gemacht haben. Haben sie vorher mehr verdient - oder waren sie vielleicht arbeitslos? Wer diese Frage nicht stellt und beantwortet, läuft Gefahr, die Entstehung neuer Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor als Problem darzustellen.
Last but not least noch ein paar Worte zu der Studie, auf die sich die Frankfurter Rundschau beruft: Mitverfasser ist Prof. Dr. Gerhard Bosch, Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ). Zuvor hat er u.a. für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut des DGB gearbeitet. Ein kurzer Blick in die Liste seiner Publikationen zeigt, dass Bosch ein klarer Befürworter von Mindestlöhnen ist (u.a. “Mindestlöhne schaffen fairen Wettbewerb”, Beitrag in der SPD-Parteizeitung).
Bleibt die Frage: Wieviel Neutralität dürfen wir von Herrn Professor Bosch erwarten? Und wie ernst dürfen wir vor diesem Hintergrund die von Herrn Professor Bosch und seinen Kollegen aufgestellten Forderungen nach staatlichen Eingriffen in den Arbeitsmarkt nehmen?
